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Klimafonds
Dossier
Wasserstoff

Interview
„Es muss jetzt etwas passieren!“
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Zur Person
Manfred Klell gilt als einer der wichtigsten Wasserstoff-Experten Österreichs. Er war von 2005 bis Ende 2018 Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der HyCentA Research GmbH.
„Die Politik wäre gefordert, die Technologieverlagerung aktiv anzugehen – der Klimawandel ist schon jetzt kaum mehr aufzuhalten.“

Für Manfred Klell ist Wasserstoff das wichtigste Werkzeug einer nachhaltigen Energiewende. Der ehemalige Geschäftsführer des HyCentA über Kostenfragen, „Mad Max IV Fury Road“ und die Gelbwesten-Proteste in Frankreich.

Stand: Jänner 2019

Herr Klell, Wasserstoff ist das älteste und im Universum am häufigsten vorkommende Element und neben Strom der einzige emissionsfreie Energieträger. Warum setzen wir also immer noch auf fossile Brennstoffe?
Sie haben recht, Wasserstoff ist die Energiequelle des Universums, alle Sterne beziehen ihre Energie aus seiner Fusion, und Wasserstoff ist emissionsfrei nutzbar. Aber: Wasserstoff kommt nicht in reiner Form vor, es handelt sich dabei um einen sogenannten Sekundärenergieträger, den wir erst unter Einsatz von Primärenergie erzeugen müssen – und das ist teuer. Zudem ist Wasserstoff gasförmig und damit komplizierter zu handhaben, zu transportieren und zu lagern als fossile Energieträger.

Die Technologien wären aber prinzipiell verfügbar?
Ja, die sind einsatzbereit. Wir sind schon in den 1960er-Jahren mit Brennstoffzellen zum Mond geflogen und Karl Kordesch hat zur selben Zeit Motorräder und Autos auf Wasserstoffantrieb umgerüstet. Natürlich gibt es technisch noch Optimierungspotenzial, aber das gibt es auch beim Verbrennungsmotor, und der ist bedeutend älter. Das größte Problem stellen aktuell die im Vergleich zu fossilen Energieträgern höheren Kosten dar. Für die Umwelt wäre Wasserstoff natürlich die viel bessere Lösung und noch dazu wäre er dezentral zu erzeugen.

Man würde sich damit also auch unabhängig von Energieimporten aus dem Ausland machen?
Wasserstoff lässt sich an jedem gewünschten Ort auch in kleinen Mengen erzeugen, logistisch wäre das ein Selbstläufer, der sogar noch lokale Wertschöpfung generiert. Geld, das wir heute in Österreich für den Import fossiler Energieträger ausgeben – täglich immerhin rund 35 Millionen Euro – könnten wir damit in unserem Land investieren.

Aber verschiebt man das Problem damit nicht nur? Zur Produktion von Wasserstoff braucht es doch auch fossile Energieträger.
Bislang wird Wasserstoff meist aus Erdgas erzeugt, aber es gibt auch emissionsfreie Möglichkeiten mithilfe von Wind, Sonne und mit grünem Strom durch Elektrolyse aus Wasser. Und genau auf diese Möglichkeiten muss man setzen, wenn Wasserstoff tatsächlich zu einer Reduktion der CO2-Emissionen und einer nachhaltigen Energiewende beitragen soll. Die Entwicklung kann nur Hand in Hand gehen! Geschieht das nicht, würde sich das Problem tatsächlich nur verschieben – und das kann nicht das Ziel sein.

© 123rf

Fossile Energieträger sind endlich, sie zerstören Klima und Umwelt. Die Zukunft gehört erneuerbaren Energiequellen.

Wasserstoff ist umweltfreundlicher als fossile Brennstoffe, die Herstellung allerdings teurer. Ist die Wahl des Hauptenergieträgers der Zukunft letztlich eine Kostenfrage?
Die Industrie macht das, was ihr am meisten Geld bringt, und der Konsument kauft die Produkte, die am günstigsten sind. Klar spielt bei dem einen oder anderen auch das grüne Gewissen eine Rolle, die große Masse ist das aber nicht. Daher ja, es ist eine Kostenfrage: Wie fast überall im Leben geht es auch beim Wasserstoff ums liebe Geld. Es wäre daher die Politik gefordert, die Technologieverlagerung aktiv anzugehen, der Klimawandel ist schon jetzt kaum mehr aufzuhalten.

Welche Maßnahmen müssten aus Ihrer Sicht gesetzt werden?
Mit Geboten und Verboten sowie CO2-Steuern ließe sich viel in die richtige Richtung lenken, und dann würde das Thema schnell auch eine Frage der Stückzahlen. Steigen diese, sinken die Kosten und damit würde die Technologie weiter Rückenwind bekommen.

Wie die Gelbwesten-Proteste in Frankreich zeigten, werden von der Bevölkerung entsprechende Schritte der Politik nicht immer begrüßt. Die Pläne zur Einführung einer Ökosteuer auf Treibstoff wurden dort rasch wieder zurückgenommen.
Die Situation in Frankreich offenbart das ganze Dilemma: Die Politik verschließt sich dem Thema vielfach und traut sich nicht, es aktiv anzugreifen. Tut sie es doch, dann hagelt es massive Proteste. Aus Angst vor dem Verlust von Wählerstimmen wird das Thema daher erst gar nicht aufs Tableau gebracht. Dieses Henne-Ei-Problem ist nur schwer zu lösen.

Zurück zur Kostenfrage: Wie viel Geld wäre notwendig, um Wasserstoff in Österreich zum Durchbruch zu verhelfen?
Wir haben errechnet, dass wir mit rund 120 Milliarden Euro vollständig auf erneuerbare Energieträger umstellen könnten. Das ist zwar viel Geld, relativiert sich aber angesichts der Milliardengewinne vieler Autohersteller und Erdölkonzerne. Bei der Förderung von Öl in der Arktis spielen Milliarden keine Rolle, bei Wasserstoff oder erneuerbaren Energieträgern muss um jede Million gekämpft werden. Vor diesem Hintergrund eine Verlagerung anzustrengen ist schwierig, aber trotzdem – und da wiederhole ich mich – unbedingt notwendig. Aktuelle Konzepte und Überlegungen sind leider sehr zahnlos, die freie Marktwirtschaft hat dahingehend überhaupt versagt.

Könnte das Thema Wasserstoff nicht auch für Unternehmen eine Geschäftschance darstellen, um über eine Nische einen breiten Zukunftsmarkt zu erobern?
Natürlich, und dahingehend gibt es auch Bemühungen und Leuchtturmprojekte. Da Öl und Gas aber mehr Profit versprechen, sind es aktuell vor allem Kleinunternehmen und Start-ups, die in diesem Bereich aktiv sind und leider schnell an ihre Grenzen stoßen. Es fehlt ihnen an Durchhaltevermögen und Ressourcen, um ihren Weg über Jahre hinweg konsequent verfolgen zu können.

Gibt es Länder, in denen das Thema Wasserstoff schon weiter ist als in Österreich?
Die nordeuropäischen Länder sind definitiv aktiver, dort sind auch die meisten Brennstoffzellenfahrzeuge zugelassen. Norwegen hat gezeigt, dass durch Steuern auf Diesel und Benzin Antriebsalternativen wie Elektrofahrzeuge attraktiv gemacht werden können. Zum großen Wasserstoff-Vorbild taugen aber auch die Bemühungen dort noch nicht und auch anderswo sind sie aktuell vor allem Stückwerk, wenn etwa London überlegt, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor aus seinem Zentrum zu verbannen. Große Hoffnungen setze ich derzeit in die asiatischen Automobilbauer, die an dem Thema intensiv dran sind und mit ihren Wasserstoff-Fahrzeugen nach Europa drängen. Wenn diese Fahrzeuge ihre Alltagstauglichkeit beweisen und in nennenswerten Stückzahlen verkauft werden, müsste die Konkurrenz zwangsläufig nachziehen …

… um nicht Marktanteile zu verlieren?
Genau. Spätestens dann wäre auch die Politik gezwungen, sich verstärkt dem Thema zu widmen, denn dann geht es um den Verlust von Arbeitsplätzen und Wirtschaftskraft.

Wie kann dem Wasserstoff sonst zum Durchbruch verholfen werden? Muss der Klimawandel weiter voranschreiten, bevor man sich konkret nach Alternativen zu Öl und Gas umsieht?
Ich sehe aktuell leider keine andere Möglichkeit. Wenn sogar der US-Präsident den Klimawandel leugnet, dann ist das ein haarsträubendes Spiel mit dem Feuer, das uns noch viele Probleme bescheren und viel Geld kosten wird. Und zwar ein Vielfaches von den aktuell notwendigen 120 Milliarden Euro zur vollständigen Umstellung auf erneuerbare Energieträger. Es mag fiktional klingen, aber wir steuern geradewegs auf eine Zukunft zu, wie sie etwa in „Mad Max IV Fury Road“ zu sehen ist. Es muss etwas passieren, sonst passiert etwas – und zwar schnell.

Wie rasch wäre eine Umstellung auf Wasserstoff möglich – ausreichend finanzielle Ressourcen und politischer Wille vorausgesetzt?
Zeitverläufe sind immer schwierig zu prognostizieren, aber Technologiewechsel in der Vergangenheit lassen bei optimistischer Betrachtung eine Zeitspanne von fünf bis zehn Jahren wahrscheinlich erscheinen. Für mich ist klar, dass die Umstellung kommen wird. Die Frage ist nur: Wollen wir warten, bis die Umwelt im Argen liegt und wir keinen anderen Ausweg mehr haben? Oder sollen wir den Umstieg jetzt wagen, mit dem Wandel von „black jobs“ to „green jobs“ unsere Wirtschaft stärken und viele ökologische Folgeschäden vermeiden?

Welche Rolle könnte Wasserstoff bei einer nachhaltigen Energiewende spielen?
Definitiv eine Hauptrolle! Mit Wasserstoff und Strom gibt es nur zwei Energieträger, die emissionsfrei sind – wenn sie grün erzeugt werden. Aber dazu muss man Geld in die Hand nehmen und auch einmal den unbequemen Weg gehen – und zu beidem ist man aktuell aus meiner Beobachtung heraus nicht bereit. Noch nicht.